Am letzten Donnerstag haben wir es endlich geschafft! Nach einem langen Tauziehen spielten wir in einer Kieler Flüchtlingsunterkunft Werke von Marais, Telemann, J.S. Bach und Händel. Tauziehen? Die Geschichte ist lang, jedenfalls war es die vierte Adresse in der Folge, wo wir in Kiel spielen sollten. Man weiß nicht recht, ob man sich freuen oder eher grämen soll: Es werden mehrere Unterkünfte geschlossen und aufgelöst, teilweise ohne ein einziges Mal benutzt worden zu sein.

Aber nun standen wir da, von einem großen Carport vor der Sonne geschützt, und spielten für die geflüchtete Menschen europäische Barockmusik mit zwei Geigen, einer Oboe/Blockflöte, einer Bratsche, einer Gambe und einem Klavier ausgerüstet. Es sind nicht nur die Bewohner der Unterkunft da gewesen, sondern auch Ehemalige und Ehrenamtliche. Die Bauarbeiter von der großen Baustelle direkt hinter uns konnten wir zwar nicht als Besucher gewinnen – die Kranstunden waren ja schon bezahlt. Die Freude und die Begeisterung unserer Zuhörer war aber groß! Sowohl die Bewohner, als auch die Organisatoren haben sich bei uns ganz herzlich bedankt. Wir bedanken uns unsererseits bei den Mitarbeitern von „Kiel hilft Flüchtlingen“ und „Christlicher Verein zur Förderung sozialer Initiativen in Kiel e.V.“ für die unkomplizierte und nette Zusammenarbeit!



Wir sind überzeugt, dass die Musiker zu den Menschen hingehen sollten, die sonst keine Möglichkeit haben, ins Konzert zu kommen, und nicht umgekehrt. Wenn sie mal netterweise in die Konzertsäle geholt werden, ist es zwar eine tolle Aktion. Diese Menschen werden aber eine solche Konzertsituation (zu Recht) als etwas ganz Besonderes empfinden. Eigenständig und für teure Eintrittskarten holen wir sie nicht so schnell wieder in unsere bequemen Konzertsäle. Die Konzertsituation bleibt für sie auch weiterhin etwas Besonderes, wo man sich extra chic anziehen, lange und still sitzen, sich in der Pause „kompetent“ unterhalten muss und für die Eintrittskarten teilweise unvorstellbar viel Geld ausgibt.


Und hier folgt der Artikel aus der Zeitung über unseren Auftritt.

„Schöne Musik“ für neue Bürger
Konzert des Ensembles Schirokko Hamburg in Kieler Gemeinschaftsunterkunft
Kieler Nachrichten, 29. Juli 2016

KN Artikel

KIEL. Ein sehr kurzfristig organisiertes Barock-Konzert gab am Donnerstagnachmittag das Ensemble Schirokko Hamburg auf dem Gelände der Gemeinschaftsunterkunft im Ellerbeker Weg 120. Stefan Schoneboom, Leiter der seit Mai 2014 bestehenden und vom Christlichen Verein zur Förderung sozialer Initiativen in Kiel betriebenen Einrichtung, hatte erst am Vortag vom Verein Kiel hilft Flüchtlingen die Anfrage erhalten. Schnell wurden Bodenplatten in einem Carport verlegt, in dem die sechs Musikerinnen und Musiker, darunter Kirchenmusikdirektor Volkmar Zehner von St. Nikolai am Klavier, ihre Noten und Instrumente aufbauten. Gartenstühle wurden abgeseift und aufgestellt, und nach weniger als einer halben Stunde sprach Ilja Dobruschkin, der die Viola spielte und mit Konzertmeisterin Rachel Harris das Ensemble managt, die Begrüßungsworte: „Hallo. Danke, dass Ihr da seid.“
Ein gutes Dutzend der 60 männlichen Bewohner, die meisten von ihnen mit dreijähriger Aufenthaltserlaubnis, hatte Schoneboom zusammentrommeln können, und so lauschten sie für eine Dreiviertelstunde unter der heißen Sonne Kiels den Klängen europäischer Musik von vor 300 Jahren.

Jede Komposition bedachten die Flüchtlinge mit Beifall.

„Air“ aus der 3. Suite für Orchester wird man so, unterlegt von den ausdauernden Hammerschlägen eines Zimmermanns, nicht alle Tage zu hören bekommen. Auf der Baustelle wurde das ähnlich gesehen. „Zugabe!“, tönte es aus dem Innern des Rohbaus, als „Air“ verklungen war.

„Wir sind Spezialisten für historische Aufführungspraxis“, sagte Ilja Dobruschkin. „Aber das steht hier und heute an zweiter Stelle. Gerade im Bereich der klassischen Musik öffnen sich die Musiker zu oft zu wenig dem Publikum, sodass der falsche Eindruck entsteht, es sei Musik für reiche Leute. Dies ist ein klassisches Konzert für Leute, die nicht unbedingt in ein Klassikkonzert gehen würden. Der Gedanke ist, niemanden auszuschließen. Wir spielen schöne Musik, und es soll Unterhaltung sein.“ Für geflüchtete Menschen, so Dobruschkin. Mit Beifall bedachten diese jede Darbietung der Kompositionen von Marais, Bach, Telemann und Händel.

Am Abend spielte das Ensemble in einer großen Unterkunft in Hamburg-Wandsbek. „Wir wollen helfen, ganz einfach“, sagte Dobruschkin. Und erklärte, warum er „im späten Frühsommer“ den Kontakt sowohl zum Betreiber der Wohnunterkünfte in Hamburg, F & W Fördern und Wohnen, als auch zum Verein Kiel hilft Flüchtlingen aufgenommen hatte. An Kiel hatte er zäh festgehalten, trotz organisatorischer Probleme bis zuletzt in drei anderen zunächst geplanten Unterkünften, „denn ich bin Kieler seit 18 Jahren, sehr gerne Kieler, und dieses Konzert ist der Anfang“. Man kann es als Versuch sehen, Ruhe zu stiften zwischen dröhnend vorbeifahrendem Kran und innerer Entwurzelung. Oder als Chiffre für die Intaktheit klassischer Musik und ihrer kompetenten Interpreten, egal an welchem Ort. Oder als eine Veranstaltung, die nicht einem unreflektierten Drei-Wort-Satz „Wir schaffen das“ folgt, sondern einem bescheideneren: „Wir tun etwas.“